kleinsthof.de

Die Welt ist schön! Märchen vom Wald - Graf A.W. von Czege

Was der Vater seinem Kinde sagt  -   Der Wald  -   Der alte Pilzmacher  -   Vom kleinen grauen Hasen  -   Bulambukk  -   Vom Hirsch, der seine Krone verlor  -   Von den Schmetterlingen  -   Bonifaz, der Osterhase  -   Das Märchen von den blauen Bergen  -   Der Eichelhäher und das Reh  -   Maiglöckchens Traum  -   Goldvogel

Bonifaz, der Osterhase

Er wurde am Rande eines Kleefeldes geboren, das ganz dicht am Walde lag. Ein Dornbusch deckte über ihn das erste Dach, und seine Wiege war das trockene Gras des vergangenen Jahres. Sein erstes Spielzeug war ein Schneeglöckchen, das unter dem Dornbusch stand und immer läutete, wenn sich ein Luftchen irgendwie unter das dichte Buschwerk verirrte.

Seine Geschwister - sie waren nämlich zusammen viere im Dornbuschnest unter der Herrschaft der gewissenhaften Mama Langohr und des gestrengen Papa Langohr waren ihm schon in der ersten Woche viel zu langweilig geworden. Sie lagen nur im Nest im trockenen Laubwerk verkrochen, fast unbeweglich. So lagen sie dort, fest an die Erde gepresst, und blinzelten furchtsam bei jedem Geräusch. Sie hatten Angst vorm Winde, vor den Blumen, vor der Amsel und der Meise, ja sogar vor dem Tausendfüßler, der manchmal aus dem feuchten Laubwerk hervorkroch, um schnell seine Beine zu zählen.

"Ihr seid richtige Angsthasen", sagte Bonifaz zu seinen Geschwistern. Er fürchtete sich weder vor der Amsel noch vor der Meise. Mama Langohr machte sich aber auch oft Sorgen um ihn.

"Pass auf, einmal holt dich noch der Rabe oder die Elster", sagte sie oft.

Aber Papa Langohr war stolz auf seinen Jüngsten.

"Recht hast du", meinte er Würdevoll, "ein richtiger Hase darf sich niemals fürchten."

Und Bonifaz war in dieser Hinsicht wirklich ein richtiger Hase. Er fürchtete sich tatsächlich niemals.

"Warum sollte ich mich fürchten", sagte er, "ich habe niemandem etwas Böses getan, und niemand hat einen Grund, mir etwas zuleide zu tun."

Und er schaute mutig in die wunderbar schöne Welt hinein.

Die Tage fingen an länger zu werden. Immer länger. Die Sonne strömte ihre lachende Wärme herab, und die Knospen des Dornbusches verwandelten sich in kleine, weißduftende Blüten. Draußen auf dem Felde wuchs der Klee. Blumen glänzten und bunte Schmetterlinge jagten einander. Papa Langohr und Mama Langohr gingen häufig hinaus, um süße Kleeblätter zu pflücken. Einmal, es war eine schöne warme Nachmittagsstunde, ging Bonifaz auch mit.

"Um Himmelswillen!", sagte Mama Langohr, als sie seine Absicht bemerkte, "um Himmelswillen, dass du bloß nicht mit hinaus kommst!"

"Warum denn nicht?" fragte Bonifaz verwundert.

"Ja, warum denn nicht?" fragte auch Papa Langohr, "er ist schon groß genug, und außerdem ist ja alles still und ruhig draußen. Und überdies soll er sich daran gewöhnen, dass ein richtiger Hase niemals Angst hat."

So ging Bonifaz mit auf das Kleefeld hinaus. Es war herrlich da draußen. Die Sonne schien so warm und freundlich. Süße Düfte schaukelten in der Luft. Alles glänzte vor Freude. Er hüpfte ausgelassen hin und her. Suchte sich die schönsten Kleeblätter aus, lief den Schmetterlingen nach und fühlte sich vollkommen wohl.

Als. er wieder einem weißen Schmetterlinge nachjagte, sah er plötzlich drei Wundertiere kommen. Sie waren riesig groß und gingen auf zwei Beinen. Bonifaz kannte schon Mäuse, Frösche und sogar die Rehe. Er hatte auch schon düstere Geschichten über den Fuchs gehört. Aber so merkwürdige Tiere hatte er noch nie gesehen. Er blieb also stehen und schaute sie verwundert an.

"Schnell!" schrie Mama Langohr in diesem Augenblick, "lauf schnell fort, Bonifaz, lauf!"

"Warum?" fragte Bonifaz.

"Frag keine Dummheiten!" rief ihm Papa Langohr schon im Laufen zu, "mach, dass du weiter kommst!"

"Wieso?" wunderte sich Bonifaz, "ein richtiger Hase fürchtet sich doch nicht." Und er blieb ruhig sitzen.

Die drei Riesentiere näherten sich langsam.

"Bonifaz! Bonifaz! Lauf doch weg!" schrie Mama Langohr aus dem Dornbusch heraus. Aber Bonifaz lief nicht davon. Er spürte keine, aber auch ich gar keine Angst. Er betrachtete nur neugierig die drei komischen Tiere, die merkwürdigerweise nicht auf vier sondern auf zwei Beinen gingen und sich doch ziemlich gut fortbewegten, ohne hinzufallen.

"Das muss ich auch einmal versuchen", dachte Bonifaz und stellte sich dabei auf die Hinterbeine., Er fiel aber hin. Dann versuchte er es noch einmal, aber es wollte ihm doch nicht gelingen. Da setzte er sich hin, ganz verzweifelt und erschöpft, und wunderte sich maßlos. ..

"Wie ist es möglich, dass sie nicht hinfallen? Das ist ja ein Wunder/"

Da bemerkte ihn einer von den dreien. Er blieb einen Augenblick stehen, dann kam er langsam auf ihn zu.

"Bravo dachte Bonifaz, von dem werde ich es lernen."

Und er blieb ruhig sitzen. Als der fremde Zweibeiner schon ganz nahe war, redete er ihn an:

"Grüß Gott! Sagen Sie bitte, wie machen Sie das? So auf zwei Beinen zu laufen, meine ich."

Aber das Riesentier antwortete nicht/Als ob es gar nichts gehört hätte.

"Lauf doch! Lauf doch!" schrieen Mama und Papa Langohr voller Entsetzen aus dem Dornbusch.

"Warum soll ich denn fortlaufen?" schrie Bonifaz zurück. "Ich will doch lernen, wie man auf zwei Beinen geht."

Da war der Fremde schon ganz nahe herangekommen.

"Grüß Gott!" redete das Häschen ihn noch mal an, "sagen Sie bitte..."

In diesem Augenblick beugte sich das merkwürdige Tier rasch nieder und hob Bonifaz an seinen Vorderläufen vom Kleefeld hoch.

"Verzeihen Sie", sagte Bonifaz, weil das auch ihm etwas zu viel wurde, "verzeihen Sie, aber so habe ich es mir nicht gedacht. Hier oben ist es sehr ungemütlich. Es wäre besser, wenn Sie es mir nur einfach erklären würden..."

Aber das Riesentier sagte nichts. Einfach gar nichts. Es steckte nur den kleinen Bonifaz in ein großes finsteres Etwas hinein und ging mit ihm fort. Es war finster dort drinnen, und das Ganze schaukelte unheimlich. Bonifaz fühlte sich schwer beleidigt.

"Hören Sie! Es ist gar nicht schön hier drinnen. Ich will hinaus!" Aber alles war umsonst. Der Sack, in dem man ihn hineingesteckt hatte, schaukelte nur weiter hin und her.

Nach einer Weile blieb alles stehen. Verschiedene fremde Laute waren zu hören. Plötzlich packte etwas das Häschen und hob es ans Licht.

Es war eine merkwürdige Welt, in der Bonifaz sich nun befand. Es war eigentlich eine Art Höhle. Aber die Wand hatte große viereckige Löcher. Überall standen komische Dinge. Und außerdem wimmelte das Ganze von zweibeinigen Riesen. Alle glotzten ihn an und schrieen dabei sinnlose Töne.

Das war für Bonifaz zu viel. Er schüttelte den Kopf und kratzte sich hinter den Ohren. Darauf fingen die Riesen noch entsetzlicher zu schreien an.

"Schreit doch nicht so!" sagte Bonifaz verärgert. Aber keiner hörte auf ihn.

"Schreit doch nicht!" wiederholte er. "Das ist wirklich nicht schön." Da sagte plötzlich eine schwäche Stimme von irgendwo:

"Lass nur. Sie verstehen dich nicht."

Bonifaz wendete sich nach der Stimme. Da erblickte er ein komisches kleines, gelbes Tier, das gleichfalls auf zwei Beinen spazierte.

"Wer bist du denn?" fragte er. "Gehörst du zu den Großen?"

"Ach, keine Spur", sagte das Gelbe, "ich bin eine Ente."

"Aber du läufst doch auf zwei Beinen."

"Na ja, weil ich ein Vogel bin."

"Ach so. Aber wo sind denn deine Flügel?"

"Die bekomme ich erst später. Ich bin noch jung."

"Und wann bekommen die großen Tiere da Flügel?"

"Die bekommen keine."

"Wieso?" wunderte sich Bonifaz wieder.

"Sind sie keine Vögel? Sie laufen doch auch auf zwei Beinen."

"Ach wo", sagte die Ente beleidigt, "sie sind nur Menschen."

"Aber warum schreien sie denn so? Und warum antworten sie nicht, wenn man sie etwas fragt?"

"Weil sie nicht einmal sprechen können", erklärte die Ente mit Verachtung. "Sie sind einfach unfähig dazu."

"Schrecklich dumm müssen sie sein", meinte Bonifaz traurig.

"Na ja, das sind sie auch", bestätigte die Ente.

Dann wurde Bonifaz in eine Kiste getan. Man brachte ihm ganz feine. Dinge. Gelbe Rüben, Salat. Er war auch hungrig und fing sofort an zu essen. Die Riesen standen um seine Kiste herum und bewunderten ihn.

"Sie haben wahrscheinlich auch noch keinen Hasen gesehen", dachte Bonifaz. "Es ist wirklich traurig, dass sie nicht einmal sprechen können."

Allmählich wurde es den Riesen zu langweilig und sie gingen fort. Bonifaz blieb allein in der Kiste. Langsam wurde es ihm zu langweilig. Er wollte hinaus.

"Wie lange soll ich denn hier bleiben?" ärgerte er sich und fing an zu springen. Aber seine Versuche blieben erfolglos. Es gelang ihm nicht.

"Hat ja keinen Sinn", sagte auch die Ente drüben in der anderen Kiste. "Ich bin schon zweimal herausgekommen, und man steckt mich doch immer wieder zurück."

"Aber warum denn?" wunderte sich Bonifaz.

"Ja, warum! Sie tun alles aus Unverstand."

"Hat man dich auch gefangen?" interessierte das Häschen sich weiter.

"Mich? Nein .Ich bin hier aus dem Ei gekrochen", sagte die Ente.

"Wieso?" wunderte sich Bonifaz.

"Ja, wir Enten machen es so", sagte, die kleine Ente stolz. "Und man gibt uns hier ganz umsonst zu essen. Ganz umsonst. Wir brauchen gar nicht zu arbeiten."

"Sind das aber komische Tiere!" Und Bonifaz schüttelte den Kopf.

"Menschen", verbesserte das Entchen streng. Bonifaz beruhigte sich aber nicht. Er sprang und sprang. Bis endlich drei kleinere der Riesen zu seiner Kiste kamen.

"Sei vorsichtig", riet die Ente, "es sind Kinder, und sie tun dir gern etwas zu leide." Aber die Kinder wollten nichts Böses. Sie schauten nur in die Kiste hinein und sahen, wie Bonifaz sich abmühte, um herauszukommen. Da nahm ihn das eine und stellte ihn auf den Fußboden.

Bonifaz schaute die Kinder neugierig an und fing dann an herumzuhopsen. Die Kinder öffneten etwas an der Wand, und da sah Bonifaz wieder die freie Welt vor sich. Er sah Bäume und Büsche, Gras und allerlei Grünzeug. Es war sogar Salat dabei. Er hüpfte vernünftig hinaus und die Kinder folgten ihm mit Freudengeschrei. Neben einer schönen, dicken Salatstaude setzte er sich nieder und fing an zu essen. Die Kinder lachten ihm zu.

"Es ist doch ganz lustig hier", meinte Bonifaz, "nur traurig, wirklich traurig, dass sie nicht sprechen können."

Plötzlich kamen neue Riesenkinder hinzu. Sie wollten ihn unbedingt fangen. Bonifaz hüpfte zwischen den Salatstauden herum. Bis der eine ihn doch erwischte. Er packte mit grober Hand das Häschen an einem Bein und hob es in die Luft.

Das war schon recht ungemütlich, so mit dem Kopf nach unten zu hängen.

"Lass mich doch los!" schrie Bonifaz. "Mein Bein tut weh!"

Aber das Riesenkind schaukelte ihn nur hin und her und lachte dabei. Bonifaz zuckte vor Schmerz.

Da fingen die Riesenkinder an, einander anzuschreien. Die drei, die ihn aus der Kiste befreit hatten, versuchten ihn auch aus seiner jetzigen Lage zu befreien. Aber die Neuangekommenen wollten ihn nicht loslassen. Es entstand eine Rauferei. Dabei gelang es Bonifaz, der bösen Hand zu entwischen. Er verkroch sich schnell im Johannisbeergebüsch. Erschöpft duckte er sich zur Erde und versuchte seine Gedanken zu ordnen.

Er hatte vieles während der letzten Stunden gelernt. Einmal, dass es Riesen gibt, die Menschen heißen. Ihre Taten sind unberechenbar, und sie können nicht einmal sprechen. Dann gibt es. Riesenkinder. Darunter brave und böse. Die braven sind sehr liebenswert, aber die bösen muss man furchten. Und endlich: wo konnte das Kleefeld sein und der Dornbusch mit Mama Langohr und Papa Langohr und den drei Geschwistern?

Unterdessen waren die bösen Kinder schreiend davon gelaufen. Und die guten fingen an nach ihm zu suchen. Sie suchten zwischen den Salatstauden. Sie suchten zwischen den Gemüsebeeten. Sie sahen in jedes Gebüsch hinein. Aber Bonifaz lag dicht an die Erde gepresst, so wie er es von Mama Langohr gelernt hatte, und umsonst schauten die Kinder auch unter den Johannisbeerstrauch - sie konnten ihn nicht entdecken.

Endlich zogen sie suchend immer weiter fort. Bonifaz blieb allein, und es fing an dunkel zu werden.

"Jetzt gehe ich heim", entschloss er sich und hüpfte langsam heraus.

Aber in welcher Richtung? Er musste sich hinsetzen, um nachzudenken. Da sah er einen Eichelhäher auf einem Baum.

"Sagen Sie bitte, wo ist eigentlich unser Kleefeld und unser Dornbusch?"

Der Eichelhäher schaute auf den kleinen Hasen hinunter.

"Die ganze Welt ist voller Kleefelder und Dornbüsche, mein Kleiner. Woher soll ich wissen, wo deiner war?"

"Mein Vater heißt Langohr und meine Mutter auch", sagte Bonifaz. Der Eichelhäher lachte.

"Jeder Hase hat lange Ohren, du Dummkopf!"

Doch Bonifaz wurde so traurig, dass der Eichelhäher Mitleid mit ihm bekam.

"Wie bist du hergekommen, dass du nicht zurückfinden kannst?"

"Mit den Menschen bin ich gekommen", antwortete Bonifaz.

"Mit den Menschen?"

"Ja"

Der Eichelhäher blickte ihn misstrauisch an.

"Hoffentlich willst du nicht behaupten, dass der Mensch dich in seiner Tasche hergebracht hat, um dir seine Salatbeete zu schenken!"

"Doch, doch", bezeugte Bonifaz, "eben so war es!"

"Du bist ein ganz gewöhnlicher Lügner", sagte der Eichelhäher und flog davon.

Es war nichts zu machen. Bonifaz musste versuchen, irgendwie allein den Weg nach Hause zu finden. Er hüpfte über die schönen Salat- und Kohlrabibeete, pflückte dabei hier und da einen Leckerbissen und stand plötzlich vor einem Drahtzaun.

"Nanu!" wunderte er sich. "Wie kommt man da weiter? Es ist doch unverschämt, einem so etwas gerade vor die Nase zu stellen."

Da sah er einen großen schwarzen Kater am Zaune vorbeipirschen.

"Sagen Sie bitte", redete Bonifaz ihn an, "wie kommt man da durch?"

"Ich werde es dir gleich zeigen, mein Kleiner", sagte leise spinnend der schwarze Kater und näherte sich langsam.

"Vielen Dank!" freute sich Bonifaz. "Ich muss nämlich noch nach Hause finden, bevor es finster wird. Wir wohnen im Dornbusch, wissen Sie, und mein Vater und meine Mutter heißen Langohr."

"So, so", murmelte leise der Kater. "So, so. Also pass auf."

Und mit einem Sprung war er auf Bonifazens Rücken. Seine scharfen Krallen drangen tief ins Fleisch ein. Der arme kleine Hase konnte sich nicht einmal rühren unter dem Gewicht des Katers. Er fing schmerzlich und erschrocken zu jammern an.

"Nicht so laut!" meinte der Kater und biss ihn ins Genick. "Oh weh!" jammerte Bonifaz. "Das tut doch

"Nur einen Augenblick noch", sagte der böse Kater und wollte ihm den Hals durchbeißen. Doch in diesem Augenblick kamen die drei Kinder angelaufen. Sie jagten den Kater davon und nahmen Bonifaz in ihre Hände. Sie trugen ihn erst an eine frische Quelle und wuschen seine Wunden aus. Dann wurde beraten. Endlich nahmen sie das Häschen und trugen es sanft durch den Garten zu einer kleinen Tür. Die wurde geöffnet und Bonifaz behutsam ins Gras gesetzt.

Bonifaz schaute um sich: ein großes Kartoffelfeld lag vor seinen Augen, und dahinter war der Wald.

"O", sagte er, "ich bin draußen."

Er sah auf die Kinder. Sie standen neben ihm sind warteten.

"Ich danke sehr", sagte er, "ich danke wirklich vielmals." Die Kinder antworteten nicht. "Freilich", seufzte Bonifaz ,"sie können nicht sprechen. Zu schade, wirklich zu schade." Dann hüpfte er langsam und besonnen auf das Kartoffelfeld zu.

Die Kinder winkten, und Bonifaz winkte mit den Ohren zurück.

Am Waldesrand begegnete er einem alten Hasen.

"Grüß Gott!" redete Bonifaz ihn an. "Ich bin Bonifaz Langohr und meine Eltern wohnen im Dornbusch bei dem Kleefeld. Wissen Sie nicht zufällig, wie man dorthin kommt?"

"Doch, gewiss", sagte der alte Hase, "ich kenne deinen Vater persönlich. Aber wie hast du dich so verlaufen?"

"Ich war bei den Menschen", sagte Bonifaz etwas stolz, "auf Besuch."

"Auf Besuch?" - der alte Hase machte große Augen - "auf Besuch? Bei den Menschen?"

"Ja, ja", sagte Bonifaz, "bei den Menschen. Da hinter diesem Kartoffelfeld, wo die Salatstauden stehen."

Ein Schauder überlief den Alten. "Bei den Menschen! Kind, das ist doch schrecklich! Die Menschen sind doch ganz gefährliche Tiere!"

"Ach wo", sagte Bonifaz überlegen, "die Menschen sind nur dumm, sie können nicht einmal sprechen. Aber sonst sind sie ganz anständige Leute. Der Kater, der ist schlimm. Und unhöflich. Denken Sie sich: er hat seine Krallen in meinen Rücken geschlagen. Sogar meinen "Hals wollte er durchbeißen. Die Menschenkinder haben mich befreit."

"Aber nein!" wunderte sich der Hase. "Sowas!"

Dann zeigte er Bonifaz den Weg zum Dornbusch bei dem Kleefeld.

Es war schon finster, als Bonifaz zu Hause ankam. Mama Langohr und Papa Langohr saßen betrübt vor dem Dornbusch und nagten ihre Kleeblätter. Sie wollten ihren Augen nicht trauen, als sie Bonifaz vor sich sahen.

"Du liebe Güte! Wo warst du denn? Was ist mit dir geschehen? Wo kommst du her?"

"Ich war auf Besuch bei den Menschen", sagte "Bonifaz leichthin, "es war sehr interessant." "Um Himmelswillen! Ist dir nichts passiert?" sorgte sich Mama Langohr.

"Hast du keine Angst gehabt?" fragte Papa Langohr voller Hochachtung.

Bonifaz schaute seinen Vater ganz entrüstet an.

"Wieso? Ein richtiger Hase hat doch nie Angst!"

In dieser Nacht konnte Bonifaz nicht einschlafen. Die Erlebnisse wirbelten durch seine Gedanken. Er musste immer an diese merkwürdigen Riesentiere denken, an die Ente, den Kater und an die guten Menschenkinder, die ihn befreit hatten. Und weil er ein reines, gutes Herz hatte, wie die braven kleinen Hasen immer, fühlte er eine warme, zutrauliche Dankbarkeit gegen diese Kinder. Und er beschloss, seine Dankbarkeit für ihre Güte mit Geschenken zu beweisen. Aber wie? Die ganze Nacht dachte er darüber nach.

Und als es Morgen wurde, machte er sich auf den Weg. Er ging in den Wald und besuchte die Waldhühner.

"Hört mal zu!" sagte er zu den Waldhühnern. "Ich möchte einen Korb voll Eier haben."

"Wozu?" fragte ihn der Waldhahn.

"Die Menschenkinder waren gut zu mir. Sie haben mich vom bösen Kater befreit, und ich möchte ihnen etwas schenken."

"Das ist auch nur recht und billig", meinte der Waldhahn und erteilte den Befehl, dass alle Hühner schnell Eier legen sollten.

Bonifaz sammelte die Eier, bedankte sich wohlerzogen und ging damit auf die Wiese. Er suchte die Schmetterlinge auf.

"Gebt mir etwas Farben", sagte er zu den Schmetterlingen, "ich möchte die Eier da schön bemalen, damit die Menschenkinder sich freuen."

Und er bekam die Farben der Schmetterlinge, weil die Schmetterlinge gutherzige Geschöpfe sind und die braven Kinder gern haben. Und als die Eier alle schön bunt bemalt waren, nahm Bonifaz sie und ging damit zu den Menschen.

Es war Nacht. Er hüpfte durch den Wald, er hüpfte durch die Wiesen, er hüpfte durch das große, breite Kartoffelfeld und gelangte so endlich zum Gartenzaun. Da konnte er nicht mehr weiter. Er machte sich Sorgen. Es war Vollmond, und der Garten und die Felder ringsum schimmerten wie von Silber übergossen. Wie er so grübelte, ertönte plötzlich eine Stimme von oben.

"Was willst du da eigentlich?"

Erschrocken schaute Bonifaz hinauf und sah die kluge alte Eule auf dem Obstbaum sitzen.

"Ich will zu den Menschenkindern", sagte er, "ich habe Geschenke gebracht."

"Ach so", sagte die Eule, "du bist der kleine Bonifaz. Dein Name bedeutet »Gutmacher'. Und wie ich sehe, passt er auch ganz richtig zu dir. Warte, ich werde dir helfen."

Damit flog sie herunter und öffnete die Gartentür. Bonifaz schlich hinein. Er ging auf das Haus zu. Die Eule flog immer voran.

"Ist" der Kater nicht da?" flüsterte Bonifaz ängstlich.

"Nein", antwortete die Eule, "er ist auf des Nachbarn Speicher. Eben habe ich ihn da getroffen."

Sie gingen ganz dicht ans Haus. Die Eule setzte sich vor ein Fenster hin.

"Da wohnen, die Kinder", sagte sie, "sie schlafen schon."

"Wie komme ich hinein?" fragte Bonifaz.

"Das weiß ich nicht", sagte die Eule, "das Fenster kann ich nicht öffnen. Es ist von innen zugemacht. Aber weißt du was? Machen wir da vor dem Fenster drei Nester, und du legst deine Geschenke hinein. Sie werden sie am Morgen schon finden." Und so geschah es.

Morgens, als die Kinder erwachten und das Fenster öffneten, fanden sie die drei Nester mit den schönen bunten Eiern. Sie freuten sich von Herzen, und da es gerade Ostersonntag war nannten sie die schönen bunten Eier Ostereier.

Und seit der Zeit geht Bonifaz vor jedem Ostersonntag zu den Waldhühnern und bittet um Eier für die braven Kinder. Und die Waldhühner geben sie gerne; denn sie haben die braven Kinder lieb.

Dann hüpft Bonifaz auf die Wiese hinab und bittet um Farben bei den Schmetterlingen. Und die Schmetterlinge geben ihre Farben gern her, weil auch sie die braven Kinder lieb haben.

Dann, wenn es schon Nacht ist, schlüpft Bonifaz zu den Menschenhäusern. Er hüpft durch die Felder bis zum Gartenzaun, und da wartet schon die Eule auf ihn und öffnet die Gartentür. Sie schleichen zum Haus - freilich muss die Eule vorher auskundschaften, wo der böse Kater ist -, und Bonifaz legt seine Geschenke irgendwo hin, wo die Kinder sie am Morgen finden können.

Und so ziehen sie von Haus zu Haus, überall dahin, wo brave Kinder wohnen. Selbstverständlich sucht er die bösen Kinder nicht auf. Er erinnert sich noch immer an das, welches ihn gequält hat.

Bonifaz ist schon alt geworden, aber seine Dankbarkeit ermüdet nie. Man nennt ihn Osterhase, und er ist eine geachtete Persönlichkeit im Walde geworden. Man sagt, er habe Beziehungen zu den Menschen.

Sei recht brav, dann wird er auch dich besuchen. Es wäre aber gut, wenn du am Karsamstag, bevor du schlafen gehst, die kleine Gartentür selber öffnen würdest. Es ist nämlich eine schwere Arbeit für die Eule, und sie ist auch schon alt. Außerdem verlieren die beiden viel Zeit damit. Und sie müssen sich eilen. Es sind, Gott sei Dank, noch viele brave Kinder auf der Welt.

Und noch etwas: Vergiss nicht, den Kater irgendwohin zu schicken. Es ist besser, wenn er in der Osternacht nicht daheim ist.


    © Ralf & Elgin 2012  Anregungen, Kritik und Feedback sind immer willkommen bei Ralf & Elgin.
Aktuelle Aktionen:
Aktionen abonnieren
http://aktionsnetz.info